Keyvisual blicke29

Das Online-Festival

blicke 28: Vom 18. - 22. November 2020

Wir haben bis zur letzten Sekunde geplant und gehofft, doch auch blicke blieb von der Corona-Pandemie und dem Lockdown nicht verschont und fand 2020 online statt. Bewusst haben wir uns dagegen entschieden, alle Programmpunkte in Netz zu verlagern. Die Themenprogramme und die Diskussionen konnten nicht stattfinden, umso mehr freuten wir uns darüber, dass wir fast alle Filme des Wettbewerbsprogramms online zeigen konnten und so viele Zuschauer*innen ihr ganz eigenes kleines blicke filmfestival in ihren eigene vier Wänden feiern konnten. Denn eins steht fest: In unsicheren Zeiten sind Filme, die sich vielschichtig und kreativ mit gesellschaftlichen Zuständen auseinandersetzen, notwendiger denn je. Dabei kann gerade der Kurzfilm besonders schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren. 2020 wurden so viele Produktionen eingereicht wie schon seit Jahren nicht mehr. Im Spektrum der ausgewählten 35 Filme sind historische Dokumentarfilme genauso vertreten wie Spielfilme, Experimentalfilme und Videokunst. Die Filmemacher*innen begeben sich auf Spurensuche – von der Kolonialzeit bis in die jüngste Vergangenheit – ziehen Verbindungen und decken Zusammenhänge auf. Zugleich wird die immer komplexer werdende Gegenwart erkundet – humorvoll, geistreich und poetisch. Zwischen all den fantastischen Filmen entschied sich unsere dreiköpfige Jury auch in diesem Jahr für fünf, die sie mit einem Preis auszeichnete. Eine freiwillige Publikumsjury wählte ebenfalls ihren Liebling. Hier könnt ihr sehen, welche Filme die Preisträger sind, warum sich die Jury für sie entschieden hat und auch mehr über die Jury selbst erfahren. Das gesamte Programm der 29. Festivalausgabe könnt ihr als Programmheft herunterladen.

Download Programm 2020

Preisträger

Dunkelfeld

Marian Mayland, Ole-Kristian Heyer, Patrick Lohse

2020| 16:12 min

Glück auf

Fumiko Kikuchi

2018| 26:38 min

Ophelia

Meike Redeker

2020| 08:00 min

Der natürliche Tod der Maus

Katharina Huber

2020| 21:30 min

Der Ruf

Karl-Friedrich König

2020| 21:53 min

Aus aktuellem Anlass

Florian Pawliczek, Johannes Klais

2020| 14:00 min


Jurybegründung

1. Hauptpreis

für Filme der Kategorie ein-blicke, dotiert mit 2.000€, gestiftet von den Stadtwerken Bochum geht an:  

DUNKELFELD von Marian Mayland, Ole-Kristian Heyer und Patrick Lohse

Es ist eine Geschichte, die uns packt, ein Film, der uns packt. Weil wahre Begebenheiten aufgearbeitet werden. Historische Fakten und Zusammenhänge werden zunächst fein analysiert. Dabei lässt uns die Erzählung aber auch immer wieder Leerstellen, die wir mit Unterbewusstem und Assoziativem füllen können. Die wir füllen können mit den erschreckenden Bildern, die wir alle in uns tragen. Formal wird mit einer gewissen Behördenästhetik gearbeitet. Mit einer nur scheinbaren Korrektheit wird experimentiert. Das macht die harte und kalte Wahrheit aber nur noch intensiver. Der Film ist mehrsprachig erzählt, in unterschiedlichen Muttersprachen und wird so noch eindrücklicher für unsere Wahrnehmung.

2. Hauptpreis

für Filme der Kategorie ein-blicke, dotiert mit 1.500€, gestiftet von der Langendreerer Dorfpostille geht an:

GLÜCK AUF von Fumiko Kikuchi

Der Videoessay erforscht mit feinem Gespür, mit Offenheit und Neugier die kaum bekannte Geschichte japanischer Bergleute als Gastarbeiter im Ruhrgebiet und führt sie parallel mit Fragen der Erzählerin nach dem eigenen Leben in einem fremden Land, der Entscheidung zu bleiben oder zu gehen. Durch die einander gegenüber und nebeneinander gestellten Bildausschnitte, fast buchartig, den Distanz ermöglichenden Schwarzraum, die begleitende Stimme der Erzählerin und die Untertitel, die sich mit dem Film verweben, entsteht eine feine Textur mit ästhetischen und narrativen Brüchen, die verdeutlicht, dass ein “Ganzes” nie zu fassen ist.

gender&queer-Preis

dotiert mit 500€, gestiftet von der Gleichstellungsstelle der Stadt Bochum geht an:

OPHELIA von Meike Redeker

Geschlechtliche Stereotypen, die dekonstruiert, Machtgefüge, die gebrochen und Sprachdominanz, die hinterfragt wird – ein Film, der dies leistet und dem wir daher gerne den gender&queer-Preis, gestiftet in seinem Umfang von 500 EUR von der Gleichstellungsstelle der Stadt Bochum, verleihen wollen, ist Ophelia von Meike Redeker. Der Film aus der Kategorie „aus-blicke“ besticht durch sein formales wie politisches Konzept: Ein Bild, das sich fest im westlich-kulturellen Gedächtnis verankert hat und durch den Titel des Films heraufbeschworen wird, das 1852 datierte Gemälde Ophelia von John Everett Millais, wird von der Regisseurin selbst performativ reenacted. In der Strömung eines Flusses liegend, umgeben von dunkelgrünem Dickicht gibt die Protagonistin unverständliche Laute von sich. Diese transformieren sich in der Umkehrung der Filmspur zu einer Kritik an der Repräsentation von Frauen in der Bildenden Kunst. Der Film zwingt seine Rezipierenden zum Aushalten des zunächst Unverständlichen. Auch wenn das Wasser flussaufwärts fließt, die Welt um- und die Sprache verkehrt aber gleichzeitig richtig herum ihren Inhalt vermittelt, legt der Film und seine Macherin kulturelle Konstruktionen offen und ist für uns daher prädestiniert für den Gewinn des gender&queer-Preises.

aus-blicke-Preis

für Filme der Kategorie aus-blicke, dotiert mit 500€ geht an:

DER NATÜRLICHE TOD DER MAUS von Katharina Huber

Der Preis geht an einen Film, der unheimlich viele Ebenen miteinander verwebt. Sowohl inhaltlich als auch in der filmischen und künstlerischen Form. Es ist ein Film der uns Spaß macht und uns begeistert, der selbstironisch und kritisch ist! Besonders macht er uns neugierig, denn es gelingt, uns durch einen sehr speziellen Filmraum und eine persönliche Erzählung zu führen und uns darin wandern zu lassen. Man lässt uns zusehen beim Denken und Erdenken der Filmfigur. Dabei überrascht der Film uns immer wieder mit unterschiedlichsten, geschickt komponierten Elementen wie Animation, Found-Footage, innerem Monolog, und nicht zuletzt einem sehr guten Sound- und Musikkonzept.

Querdenker*-Preis

dotiert mit 600€, gestiftet von trailer Ruhr geht an:

DER RUF von Karl-Friedrich König

Ein fast epischer Film auf kleinem Raum, Bibelfilm und Western zugleich, der existentielle Fragen von Glauben und Zweifel, Scheitern und Falschverstehen erzählt. Das alles an einem heißen Sommertag irgendwo in Thüringen. Gebannt folgen wir einer vermeintlich beiläufigen filmischen Erzählung, die sehr aus einem Guss kommt. Schauspiel-Inszenierung, Dialoge und Kameraführung sind herausragend. *Der Querdenker-Preis wird bereits seit 2002 vom Medienmagazin trailer Ruhr gestiftet und von uns vergeben und hat nichts mit den aktuellen Demonstrationen zu tun.

Publikumspreis und lobende Erwähnung

dotiert mit 350€, gestiftet vom Bahnhof Langendreer geht an:

AUS AKTUELLEM ANLASS von Johannes Klais und Florian Pawliczek

Wir wollen auch eine lobende Erwähnung aussprechen, und zwar für einen Film, der nicht nur als Dokument für die besondere Situation, in der sich unsere Welt gerade befindet, gelten kann, sondern auch als gekonnte Milieustudie auftritt. Eine Milieustudie für das Ruhrgebiet, ein sensibler und aufmerksamer Blick auf seine Protagonist*innen und ihren Alltag – der ein anderer ist – aus aktuellem Anlass. „Aus aktuellem Anlass“ so der Titel des Films von Florian Pawliczek und Johannes Klais verdient eine lobende Erwähnung und hat uns begeistert, weil er die Protagonist*innen des Films, die Wirtin Renate, den Schuhmacher Michael und den Musiker Daniel als Mutmacher*innen in der Krise auftreten lässt.


Jury

Sven Ilgner Foto
Sven Ilgner

ist Festivalleiter und Dozent. Er studierte Politikwissenschaft, Filmwissenschaft, Geschichte an der Ruhr-Uni Bochum und Audiovisuelle Medien an der Kunsthochschule für Medien Köln. Von 2008 bis 2012 war er als freier Regisseur und Autor für u.a. WDR, NDR, Filmtank, ZEIT online und Torre di Babele, von 2012 bis 2016 als Produktionsförderreferent für Dokumentarfilme bei der Film- und Medienstiftung NRW tätig. Er war außerdem Mitglied der Auswahlkommission der Duisburger Filmwoche, sowie stv. Leiter des Kinofests Lünen. Seit 2017 ist er Dozent für Dokumentarfilm an der Macromedia Hochschule Köln und am SAE Institute Köln und seit 2020 Festivalleiter des KinoFilmFests Lünen.

Jury Eva Hegge
Eva Hegge

geboren 1982, ist Filmemacherin, Kunstwissenschaftlerin und -vermittlerin in Köln. Studium Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik in Leipzig, Aberdeen und Köln. Langjährige Mitarbeit für die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (Organisation und Programmarbeit), seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst & Kunsttheorie an der Universität zu Köln. Ausstellungen & Festivals (u.a): Kunstraum Ortloff Leipzig (2015), Kyoto Bar Köln (2017), New School, Parsons, New York (2016), Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest (2015 & 2017), Kurzfilmtage Oberhausen (2016), Stuttgarter Filmwinter (2018), Internationales Frauenfilmfestival Köln/Dortmund (2018).

Elisa Linseisen

Dr., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn und assoziierte Post-Doc am DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische“ der Ruhr-Universität Bochum. 2019 promovierte sie mit einer medienphilosophischen Arbeit zu High Definition, erschienen 2020 bei meson.press. Von 2014 bis 2019 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, von 2016 bis 2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterin der DFG-Forschungsgruppe „Medien und Mimesis“. Von 2008 bis 2013 absolvierte sie ihr Magisterstudium der Neueren deutschen Literatur, Politologie und Germanistischen Linguistik an der LMU München.