Spot On: RomArchive & AKE DIKHEA?

Filmprogramm mit Beiträgen aus dem RomArchive und des AKE-DIKHEA?-Festivals, gefolgt von einer Diskussionsrunde über Selbst- und Fremdbilder von Sinti und Roma, Archiv- und Programmstrategien und Filme als politische Intervention. Es diskutieren Vertreter*innen und Aktivist*innen von RomArchive (Budapest), AKE DIKHEA? (Berlin) und Rom Buk / Rom e.V. (Köln).

Zwei der wichtigsten Plattformen für die Filmkultur der Sinti*zze und Rom*nja treten bei blicke in einen Dialog. Das RomArchive ist ein Archiv, das Objekte aus verschiedenen Kunst- und Kultursparten digital versammelt. Vier Beiträge aus der Filmsektion repräsentieren die Bandbreite und Vielfalt der archivierten Filme, die in unterschiedlichen Ländern und Produktionskontexten entstanden sind. Das Berliner AKE-DIKHEA?-Festival, veranstaltet von der Rom*nja-Selbstorganisation RomaTrial e.V., bietet ein deutschlandweit einmaliges Forum für neue, internationale Kurz- und Langfilme, die sich kritisch mit tradierten Stereotypen über Sinti*zze und Rom*nja auseinandersetzen. Das Festival ist mit einem Dokumentar- und einem Spielfilm in der Auswahl vertreten.

Im Anschluss an das Filmprogramm findet eine Diskussion mit Vetreter*innen beider Projekte statt. Außerdem sind zwei Aktivist*innen vom Kultur- und Bildungsprojekt RomBuk des Vereins Rom e.V. (Köln) zu Gast. Die Runde widmet sich filmischen Selbst- und Fremdbildern von Sinti*zze und Rom*nja, Archivierungs- und Programmstrategien und der Frage, wie Filme in den politischen Diskurs intervenieren können.


RomArchive

Kultur zurückgewinnen, Identität dekonstruieren, Wissen dekolonisieren, durch Kunst Widerstand leisten, Geschichte rekonstruieren, Vorurteile in Frage stellen, Sichtbarkeit schaffen: das sind die Bausteine des RomArchives. Viele dieser Verben deuten eine Umkehrung an, was sich auch an den Vorsilben ablesen lässt. Dennoch können wir diesen Forderungen voll und ganz zustimmen, wenn wir an die Geschichte der größten Minderheit in Europa denken, die ständig Zielscheibe von Vorurteilen ist. In diesem Kontext kann blicke die kulturellen und künstlerischen Leistungen von Künstler*innen mit Roma-Herkunft und die tiefen Erfahrungen in ihren Gemeinschaften beleuchten.

Die Filme des Archivs bei einem Festival wie blicke zu zeigen bedeutet, dass das Archiv seinen Auftrag erfüllt. Die Stärkung der eigenen Identität ist effektiver, wenn sie im Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft stattfindet: Sie benötigt gegenseitige Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis. Im Fall von blicke kommt eine zusätzliche Bedeutung hinzu. Ein Festival, das als Plattform für Amateurfilm entstanden ist, wirft ein anderes Licht auf die künstlerischen Leistungen der Rom*nja. In der Mehrheitskultur ist der Begriff Amateur eigentlich nicht negativ besetzt, sondern schlicht anders: etwas wird freiwillig um seiner selbst willen gemacht, nicht zum Zweck der Lohnarbeit oder für Profit, nicht als Beruf. Wenn nun in der Roma-Kultur Film- und Theaterrollen von Laien gespielt werden, Maler*innen als „naiv“ bezeichnet werden, Filmemacher*innen als „amateurhaft“ oder Menschen nicht als ausgebildete, sondern als „geborene“ Musiker*innen gelten, denken viele von uns nicht an mangelnde Bildung als Zeichen von Unterdrückung und Ungleichheit. Obwohl wir dies sollten. Solche Veranstaltungen könnten uns dabei helfen, genau das zu tun: “unlearning the inherent dominative mode” (Raymond Williams).

– Dr. Andrea Pócsik


AKE DIKHEA?

Seit dessen Gründung im Jahr 2017 möchte das Roma-Filmfestival AKE DIKHEA? – auf Romanes „NA SIEHSTE?“ – den Blick auf authentische, weitgehend unbekannte Geschichten aus den diversen Perspektiven von Rom*nja und Sinti*zze richten. Denn wer denkt schon bei gegenwärtigen Begegnungen auf den Straßen Bochums oder anderer Städte in Nordrhein-Westfalen an die NS-Vergangenheit? Wer hat schon eine Ahnung von der 500-jährigen Geschichte der Sklaverei von Rom*nja im heutigen Rumänien, die erst vor etwa 160 Jahren ihr offizielles Ende fand – und die bis heute spürbare Folgen für viele Menschen und für ganze gesellschaftliche Strukturen hat? Genau davon erzählen die beiden Kurzfilme JOŽKA und LETTER OF FORGIVENESS: Von scheinbar längst Vergessenem, das sich jedoch mit voller Wucht der Gegenwart aufdrängt und keine Ruhe gibt, bis das Alte wirklich aufgearbeitet wird. Vor allem aber bringen sie starke, mutige Charaktere an die Leinwand, Kämpfer*innen für Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung – Menschen, die auch die heutige Gesellschaft dringend benötigt.

– Hamze Bytyçi, Veronika Patočková


Auf dem Podium diskutieren:

Dr. ANDREA PÓCSIK ist Filmhistorikerin und Kulturwissenschaftlerin. In ihren Projekten widmet sie sich vor allem der kritischen Filmbildung. Neben ihrer Lehrtätigkeit ist sie als Kuratorin, Organisatorin und Expertin an zeitgenössischen Kunst- und Kulturprojekten beteiligt. 2017 veröffentlichte sie ein Buch in ungarischer Sprache über die Repräsentation der Rom*nja: Passings. An (An)archaeology of Roma Image Makings, Gondolat Kiadó, 2017. Sie war an der Einrichtung des RomArchive beteiligt. Ihre aktuelle Forschung basiert auf Erinnerungs- und Archivstudien, derzeit als Stipendiatin des Goethe-Instituts im documenta Archiv, Kassel.

HAMZE BYTYÇI, geboren in Prizren, Kosovo, ist Medien- und Theaterpädagoge, Regisseur und Performer. 2012 beteiligte er sich an der Gründung der International Romani Film Commission zur Förderung von Filmschaffenden mit Rom*nja-Identität. Ebenfalls seit 2012 ist er Gründungsvorsitzender von RomaTrial e.V., der in den Bereichen Kunst und Kultur, Jugend und Bildung (u.a. Filmsommerschule Balkan Onions) sowie Politik und Aktivismus aktiv ist. 2017 hat er das Roma-Filmfestival AKE DIKHEA? ins Leben gerufen, das seitdem unter seiner Leitung alljährlich in Berlin stattfindet. Zu seinen letzten Filmen zählen JOŽKA (2017), …DIE BRINGEN NUR DIE VERBRECHER WEG (2019), MEMORY BOXES (2019), und ICH GLAUBE AN DIE LIEBE (2020).

VERONIKA PATOČKOVÁ, geboren in Jihlava, Tschechien, ist Soziologin und Projektleiterin. Seit 2012 lebt sie in Berlin, im gleichen Jahr gründeten Hamze Bytyçi und sie den RomaTrial e.V. Seitdem ist sie für Konzeption, Fundraising und Leitung von verschiedenen Projekten verantwortlich. Seit 2017 leitet sie die Produktion des Rom*nja-Filmfestivals AKE DIKHEA?, im gleichen Jahr produzierte sie den Kurzfilm JOŽKA und arbeitete dabei bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas als wissenschaftliche Mitarbeiterin. 2018 sowie 2020–2021 war sie leitende Produzentin der 1. und 2. Roma-Biennale, der selbstorganisierten Biennale von und mit Rom*nja-Künstler*innen. Seit 2020 ist sie darüber hinaus Leiterin des Bildungsprogramms gegen Antiziganismus WIR SIND HIER!.

REDJEP JASHARI hat einen Abschluss in (CST) Informatik und Technologie der (SEEU) South East European University in Tetovo. Im Jahr 2013 wurde er in Tetovo zum Regional Leader von Romas Voice gewählt, einer Vereinigung zur Stärkung und Organisation von Gemeinden. Er war einer der Kernaktivisten für organisierte Proteste und Aktionen zur Verteidigung der Integrität und der Rechte der Rom*nja. Seit 2021 arbeitet er als wissenschaftlicher Referent im Projekt RomBuK beim Rom e.V., Köln. Seine Mission ist es, die Rom*nja -Gemeinschaft dabei zu unterstützen, eine Führungsverantwortung für Herausforderungen an der Basis und auf politischer Ebene zu übernehmen. Sein Motto lautet: “Jeder hat das Recht auf seine Rechte.”

VERA TÖNSFELDT studierte Kunstgeschichte und Europäische Ethnologie/Volkskunde in Kiel. Seit 2019 ist sie als wissenschaftliche Referentin Sammlung und Archiv im Projekt RomBuK beim Rom e.V., Köln angestellt. Seit 2021 leitet sie dort zusätzlich das Projekt DigiRom und arbeitet an ihrer Dissertation. Derzeitig forscht sie zum Thema visueller Antiziganismus. Eine Frage, die sie dabei ständig begleitet, lautet „How can I be an Ally?“

Dr. HILDE W. HOFFMANN (Moderation) forscht und lehrt am Institut für Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum. Sie promovierte 2005 zum Thema „Fernsehen und Ereignis. Die Medialisierung von ‚Wende‘ und ‚Wiedervereinigung‘“. 2008 war sie Gastprofessorin für Intermedialität an der Universität Wien, 2013 bis 2015 DAAD Visiting Professor an der University of Minnesota. In ihrer aktuellen Forschung beschäftigt sie sich mit Rassismus, Antiziganismus und postkolonialer Medienwissenschaft.


Das Programm wird durch eine Videoinstallation im Foyer des endstation.kino ergänzt. Über den gesamten Festivalzeitraum kann dort die gefilmte Performance BÉKAMESÉK / FROGTALES des Independent Theater Hungary angesehen werden. Die Arbeit greift das antiziganistische Motiv des Frosches aus dem RomArchive-Film BALADA DE UM BATRÀQUIO auf und erprobt eine produktive Umdeutung: Wer kann ein Frosch sein und als Frosch zum Beschützer werden?

 

Hinweis: Die Filme werden in Originalsprache mit englischen Untertiteln gezeigt. Die Diskussion findet auf Deutsch und Englisch statt.

Verschiedene Personen haben uns bei der Gestaltung des Programms unterstützt. Neben unseren Diskussionsgästen möchten wir uns insbesondere bei André Raatzsch (RomArchive, Heidelberg), Radmila Mladenova (Forschungsstelle Antiziganismus, Heidelberg), Lisa Willnecker (Rom e.V./RomBuk, Köln) und Öykü Özdencanli (Djelem Djelem, Dortmund) bedanken.

Spot On: RomArchive & AKE DIKHEA? wird gefördert von

Logo Ministerium Kultur und Wissenschaft NRW   Logo NRW Kultursekretariat

Verfügbar von: 
20.11.2021, 13:00 Uhr - 20.11.2021, 16:00 Uhr
Moderation: 
Hilde Hoffmann

Filme

Kanal

Zoran Sudar

2010 | 15:20 min

Song of the Gallows

Katariina Lillqvist

2003 | 08:57 min

Balada de um Batráquio

Leonor Teles

2016 | 11:27 min

JOŽKA

Hamze Bytyçi

2016 | 25:15 min

Letter of Forgiveness

Alina Şerban

2020 | 15:00 min