Statements der Festivalleitung

blicke28 ist mein letztes Festival als Leiterin, ich gebe die Verantwortung und die Freude, dieses kleine, aber sehr feine Filmfestival zu leiten, an die nächste Generation weiter.

Es läge auf der Hand, die 28 Jahre meiner Leitungstätigkeit zu bilanzieren, darauf zu verweisen, dass ich diese Leitung 24 Jahre lang mit Wolfgang Kriener geteilt habe, dass es im Lauf der Jahre zahlreiche kreative Menschen gab, die ihre Filme, Impulse und Ideen eingebracht und das Festival mit zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Natürlich habe ich mir die Übergabe ganz anders vorgestellt. Ich wollte meinen Abschied und die Begrüßung der Nachfolgenden mit zahlreichen Gästen feiern. Ich brauche nicht betonen, dass die Pandemie Feiern mit mehr als 50 Menschen einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Ich brauche nicht zu schildern, wieviel Energie wir im Team aufbringen mussten, um uns mit den sich ständig ändernden Chancen, blicke 28 noch annähernd wie immer zu realisieren, auseinander zu setzen und wie oft wir uns die Köpfe zerbrochen haben, nur um letztendlich von Plan A über Plan B und C bei D anzukommen.

Nun geht nicht mal mehr Plan D. Wenn auch nicht ganz überraschend, so haben uns die neuen Verordnungen drei Wochen vor Festivalbeginn doch wie ein Paukenschlag getroffen. Wilma Renfordt, Dramaturgin des NRW-Impulse-Festivals, nennt es im Deutschlandfunk eine Ohrfeige für die Kultur, wenn ihre Spielorte verschlossen werden, Betriebe wie Schlachthöfe und Shoppingcenter aber offen bleiben. „Es ist eine Missachtung der Tatsache, dass sich die Theater bis zur Unkenntlichkeit verbogen haben, um die sichersten, kontrolliertesten, geradezu sterilsten Hygienebedingungen herzustellen, weit über jede Wirtschaftlichkeit und Logik hinaus.“ Die erneute Schließung von Museen, Ausstellungen, Theatern, Konzertsälen, Kinos und Festivals verursacht gesellschaftlichen und kulturellen Schaden von kaum absehbarem Ausmaß. Gerade in Zeiten der Pandemie sollten sie dem Publikum offenstehen. Wir brauchen diese Diskursorte.

Wir bedauern es sehr, nun Filmemacher*innen, Förderer, Sponsoren, Gäste und Publikum nicht einladen zu können, sich vor Ort zu begegnen und Filmkunst kollektiv zu erleben. An die Stelle von Gemeinsamkeiten im Raum des Kinos tritt das individuelle Schauen zuhause. Film hat die Pandemie nicht gebraucht, um Streaming-Angebote zu etablieren, aber für Filmfestivals ist die online-Offerte ein Experiment. Der Möglichkeit eines viel größeren Publikums steht der Verlust des Festivals als Treffpunkt gegenüber. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses Verhältnis weiterhin entwickelt.

Das „Weiterhin“ dieses blicke filmfestivals liegt nicht mehr in meinen Händen. Dem Dreigestirn, das bereits bisher künstlerisches Geschick und Ideenreichtum bewiesen hat und nun die Leitung übernimmt, hätte ich einfachere Startbedingungen gewünscht als ein Jahr im Zeichen von Corona.

Ich wünsche Alisa Berezovskaya, Katharina Schröder und Felix Hasebrink ungebremsten Elan, viel Kreativität und großen Erfolg.

Gabi Hinderberger


Nun hat es also auch blicke erwischt. Die 28. Festivalausgabe muss vollständig im virtuellen Raum stattfinden. Wir haben diese Möglichkeit bei unseren Planungen mitgedacht, auch wenn wir bis zuletzt an Präsenzveranstaltungen im endstation.kino geglaubt und gearbeitet haben. Unser Online-Programmangebot war als Entlastung des Kinosaals vorgesehen. Nun wird es, notgedrungen, zur Hauptbühne des Festivals. Die Schließung von Kinos und die Absage von Kulturveranstaltungen trifft uns hart, aber nicht gänzlich unvorbereitet.

Nicht nur das blicke-Team, sondern die gesamte Kulturbranche hat seit der vorsichtigen Wiederaufnahme ihres Betriebs große Anstrengungen unternommen, damit ein sicheres, kontrolliertes und risikoarmes Kulturerleben wieder möglich wird. Dies schien politisch auch gewollt. Der Bund hat das Programm „Neustart Kultur“ aufgelegt, Umbaumaßnahmen wurden bezuschusst. Hinzukam die Aussage, dass ein zweiter Lockdown wie im Frühjahr mit dem heutigen Wissensstand nicht nötig sei. Dies hat einer gesamten Branche und auch uns Mut gemacht.

Nun schnellen die Infektionszahlen erneut in die Höhe. Plötzlich trennt die ‚Systemrelevanz‘ wieder in unentbehrlich und entbehrlich, und die Unterscheidungsmaßstäbe, so scheint es, haben nur mittelbar etwas mit der Covid-19-Pandemie zu tun. Es wird einfach das geschlossen, was keinen quantifizierbaren und monetären Mehrwert generiert, was scheinbar nur kleine und kapitalschwache Personenkreise betrifft, und was in der öffentlichen Wahrnehmung immer schon eher als Zeitvertrieb und Hobby, nicht als ordentliche Beschäftigung galt. Für viele unserer Mitstreiter*innen ist Kultur leider weder das Gegenteil von Arbeit, noch das Gegenteil von Wirtschaft. Ihnen gilt unsere unbedingte Solidarität.

Im März und April haben all jene, die ihre Arbeit nun auf absehbare Zeit nicht mehr einem Live-Publikum präsentieren können, ihre Produktionen mit vereinten Kräften ins Internet gehievt, um überhaupt noch Zuschauer*innen und Zuhörer*innen zu erreichen. Diese Anstrengungen wurden von allen Seiten beklatscht. Jetzt, im zweiten Kultur-Lockdown, darf sich die Lage nicht weiter normalisieren: Kultur im Internet ist nicht gratis, und viele Veranstaltungs- und Darbietungsformen können nicht 1:1 ins Virtuelle übersetzt werden.

Wir möchten nicht so tun, als sei die Umwandlung von Präsenz- in Online-Veranstaltungen unproblematisch, unaufwändig und eine rundherum spaßige Angelegenheit. Wir haben uns dazu entschieden, der November-Stille, die nun allerorts um sich greift, nicht eilfertig mit einem breiten und bunten Onlineprogramm zu begegnen. Die Schließungen von Kultureinrichtungen können und wollen wir nicht einfach kompensieren.

blicke wird seine Wettbewerbsprogramme online zur Verfügung stellen. Sie werden jedoch lückenhaft sein. Wir haben Verständnis für die Filmemacher*innen, die ihre Filme lieber in Kinosälen zeigen möchten. Alle Rahmenveranstaltungen, Installationen und Sonderprogramme werden verschoben. Diese Einschnitte schmerzen: blicke28 wird anders, blicke28 wird kleiner. Umso mehr hoffen wir, dass unsere diesjährigen Filme trotzdem auf unserer Homepage ein Publikum finden. Und wir hoffen, dass wir uns 2021 alle gesund und munter zur 29. Ausgabe von blicke im endstation.kino in Bochum Langendreer wiedersehen.

Alisa Berezovskaya, Felix Hasebrink, Katharina Schröder