Begrüßungswort von Rainer Komers

Blicke Filmfestival // Begrüßungswort von Rainer Komers

Blicke Filmfestival

Das Kino Endstation, in dem das Filmfestival blicke dieses Jahr seine 27. Ausgabe feiert, war ehemals ein Wartesaal im Bahnhof Langendreer. Wie bei einer Filmvorführung saßen dort Menschen unterschiedlicher Herkunft für eine begrenzte Zeit zusammen, beobachteten das Treiben von Ankunft und Abreise oder waren ganz bei sich und träumten, wovon auch immer Menschen an der Ruhr zwischen 1908 und 1983, von der Eröffnung des Jugendstilbahnhofs bis zu seiner Schließung, so träumten. 1993, hundert Jahre, nachdem Max Skladanowsky mit seinem „Kurbelkasten“ die ersten Filmaufnahmen gemacht hatte, startete blicke aus dem ruhrgebiet und gleichzeitig die Digitalisierung weltweit. Während sich das Rad der technologischen Entwicklung immer schneller dreht, und Stammzellenforscher schon von der Erschaffung ewigen Lebens träumen, versuchen xenophobe, tribalistische Teile der Gesellschaft, das Rad zurückzudrehen in die Steinzeit. 

Die bewegendsten Momente bei blicke hatte ich 2011, als Irfan Akcadags Kurzfilm „Glück“, eine Hommage an seinen Vater, gezeigt wurde. Kurz nachdem die erschütternde Wahrheit über die rassistischen NSU-Morde aufgedeckt worden war, wollten und mussten wir in der Jury „Glück“ als besten Dokumentarfilm auszeichnen. Aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland mit seiner NS-Vergangenheit haben mich Irfans Liebeserklärung an seine Familie und deren humanistische Einstellung tief bewegt. Wie vor ihm Beate Middeke, Britta Wandaogo und Frank Wierke oder nach ihm Florian Pawliczek und Lisa Domin, hat auch der an der Ruhrakademie ausgebildete Irfan Akcadag seine first steps beim blicke filmfestival gemacht.

Das Ruhrgebiet und seine Präsentation in den Medien, eine nicht enden wollende Via Dolorosa. Nach dem Aus der Filmwerkstatt Essen, dem Weggang des Mülheimer Filmbüros, der Beendigung der Film- und Kameraausbildung in Essen und Dortmund und dem jetzt anstehenden Verkauf der Sammlung Nekes bleiben als Lichtblicke, ja als Leuchttürme die Festivals in Bochum, Dortmund, Duisburg und Oberhausen. Unter ihnen erreicht blicke mit seiner regionalen Ausrichtung die größte Anbindung unter den hiesigen Filmemacher*innen. Unverzichtbar für sie und eine fragmentierte Region, in der sie, mangels einer Vision bei den Verantwortlichen vor Ort und in der Landeshauptstadt, in einer Diaspora leben müssen. Um die dadurch verursachte Abwanderung von Talenten in die Metropolen Berlin oder Köln aufzuhalten, braucht es mehr denn je eine Stärkung von Leuchttürmen wie blicke und darüber hinaus die Schaffung von Produktionszusammenhängen – Nekes, Costard und Schlingensief haben es vorgemacht –, um Leben und Arbeiten in diesem einzigartigen Melting Pot (mit seinem anarchistischen Humor!) möglich und attraktiv zu machen, damit aus der „Endstation“ eine workstation wird.  – Rainer Komers