Werkstattgespräch mit Jens Schanze. Sa, 24. November um 17.30 Uhr

Blicke Filmfestival // Werkstattgespräch mit Jens Schanze. Sa, 24. November um 17.30 Uhr

Blicke Filmfestival

In zwei seiner Dokumentarfilme, die wir in Ausschnitten zeigen, setzt sich Filmemacher Jens Schanze mit Kohleabbau auseinander – zum einen in der Garzweiler Region, zum anderen in Kolumbien. Was sind die Parallelen, was die Unterschiede und vor allem: Was sind die Zusammenhänge? Ein Werkstattgespräch, moderiert von Cornelia Klauß.

2018 schließen in Bottrop und Ibbenbüren die letzten deutschen Zechen. Doch nur wenige Kilometer entfernt wird im rheinischen Revier weiter Braunkohle gefördert. Eine Kohlekommission diskutiert den Ausstieg aus der fossilen Energie, doch ein Abbaustopp kommt für viele Menschen in der Region zu spät.

In "Otzenrath 3° kälter" (2007) hat der Filmemacher Jens Schanze über sechs Jahre die Umsiedlung der Bewohner*innen des Dorfes Otzenrath begleitet, das inzwischen komplett abgebaggert wurde.  Der Film dokumentiert die Verhandlungen mit der Rheinbraun AG und später RWE, die Planung des neuen Dorfes, die Proteste gegen die Umsiedlung und die zunehmende Resignation der Betroffenen. Dazu kommen die sogenannten Folgekosten: Wer wird am Ende bezahlen – für die Renaturierung ebenso wie für die wirtschaftlichen Schäden, die den Anwohner*innen durch die Umsiedlung entstehen? Die Menschen jedenfalls, die nun in Neu Otzenrath wohnen, haben mit ihren Häusern auch einen Teil ihrer sozialen Gemeinschaft verloren.

Im kolumbianischen Steinkohletagebau El Cerrejón entdeckt Schanze erschreckende Parallelen. Hier will die Betreiberfirma ein Dorf der indigenen Wayúu umsiedeln. Der Umsiedlungsvertrag soll den internationalen Standards der Weltbank entsprechen und sieht obendrein noch Entwicklungshilfe für das Selbstversorgerdorf vor. Doch die Befürchtungen der Wayúu bewahrheiten sich: Im neuen Dorf gibt es kein Wasser. Auf den trockenen Böden kann nichts wachsen. Die Fertighäuser versinken in Sand und Staub.

In "La buena vida – Das gute Leben" (2015) zeigt Schanze präzise, mit welchen Versprechungen, Beschwichtigungen und „spontanen“ Besuchen von Regierungssoldaten eine indigene Dorfgemeinschaft um ihr Land und ihre traditionelle Lebensweise gebracht wird. Die in Cerrejón abgebaute Kohle wird übrigens nicht etwa in Südamerika verfeuert. Mit Containerschiffen gelangt sie direkt in die europäischen Kraftwerke: Sie ist billiger als Kohle aus heimischen Abbaugebieten.


Jens Schanze (*1971 in Bonn) studierte Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der HFF München. Sein erster Langfilm, "Otzenrather Sprung" (2001), wurde u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2002 gründete er zusammen mit Judith Malek-Mahdavi in München die Produktionsfirma Mascha Film. „Wir gehen in unseren Filmen den Fragen des Lebens nach, die uns selbst beschäftigen. Wir erzählen Geschichten von Menschen und Orten, in denen die Zeit sichtbar wird. Oft zeigt sich Wahrhaftigkeit im Unscheinbaren. Danach suchen wir in jedem Film von neuem.“

Cornelia Klauß arbeitete viele Jahre als Kuratorin in den Auswahlkommissionen der Kurzfilmtage Oberhausen und bei Dok-Leipzig, war filmpolitische Sprecherin des Bundesverbandes kommunale Filmarbeit und macht gelegentlich Filme, Bücher und Ausstellungen.